07.08.2019

Bolivien. Während Venezuela im Chaos versinkt, ist die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Südamerikas ausgerechnet eine, die eine ähnliche Politik verfolgt – mit entscheidenden Unterschieden.

Ein anderer Weg

Unter der Salzwüste von Uyuni findet sich die vielleicht weltweit größte Lagerstätte für Lithium – einem der wichtigsten Rohstoffe für die Produktion von Elektrobatterien.

Als 2005 der indigene und frühere Kokabauer Evo Morales zu Boliviens Präsidenten gewählt wurde, schlug er die gleiche Richtung ein wie Hugo Chavez, der damals bereits seit einigen Jahren Venezuela regierte: Er verstaatlichte wichtige Teile der Wirtschaft, vor allem die Erdgas- und Bergbauindustrie, und finanzierte mit den Rohstoffeinnahmen große Sozialprogramme. Mehrere Jahre lang entwickelten sich die beiden Volkswirtschaften annähernd parallel. Doch während Venezuela heute tief gefallen ist, freut sich Bolivien weiterhin Jahr für Jahr über Wachstumsraten von 4 Prozent und mehr.

Polster für schlechte Zeiten

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis Bolivien ein ähnliches Schicksal wie Venezuela erleidet? "Eher nicht", sagt Österreichs Wirtschaftsdelegierter Drazen Maloca, der den Markt Bolivien von Chile aus mit betreut. "Boliviens führende Politiker handeln intelligenter und haben aus den Fehlern Venezuelas gelernt“, meint Maloca. Ein entscheidender Unterschied ist, dass Bolivien seinen Haushalt immer diszipliniert führte: Während Venezuela auch bei hohen Rohstoffpreisen Schulden machte, schuf sich Bolivien in guten Jahren ein Polster an Devisenreserven.
 
Seit 2014 schmelzen diese Reserven, berichtet Gerald Mayer, Länderexperte der OeKB: "Zuletzt betrugen sie aber immer noch über 7 Milliarden US-Dollar, das entspricht mehr als sechs Monaten Importdeckung.“ Niedrige Gaspreise über mehrere Jahre hinweg könnten wohl auch Bolivien in Bedrängnis bringen, ein grober Preiseinbruch sei aber nicht abzusehen, meint der Wirtschaftsdelegierte Maloca. "Sofern die Nachbarn Argentinien und Brasilien das Gas kaufen, wird auch für die kommenden Jahre ein dynamisches Wachstum vorausgesagt."
Positiv ist im regionalen Vergleich die Sicherheitssituation und die niedrige Unternehmenssteuer von 25 Prozent.
Gerald Mayer, OeKB-Länderexperte

Nachzügler auf Aufholjagd

Bolivien startete von einem niedrigen Niveau. Das BIP pro Kopf entwickelte sich im neuen Jahrtausend zwar rapide, ist aber noch immer das niedrigste Südamerikas, und beträgt nicht einmal ein Viertel jenes Chiles oder Argentiniens. Auch Morales selbst stammt aus ärmlichen Verhältnissen. In seiner Kindheit am Land gab es oft nichts als Maisbrei zu essen. Später schlug er sich als Kokabauer durch – ganz legal, denn Kokablätter sind in Bolivien als Tee oder gekaut ein traditionsreiches Heilmittel. Noch heute leben viele Menschen in Subsistenzwirtschaft, auch wenn die schwere Armut zurückgeht. 

Ein Großteil der Bevölkerung lebt im Altiplano, einer kargen Hochebene, die die westliche Hälfte des Landes einnimmt. Sie ist rohstoffreich, bietet sonst aber kaum wirtschaftliche Chancen. Die kommerzielle Landwirtschaft konzentriert sich auf einige Gebirgstäler in mittleren Höhen sowie auf das Tiefland, speziell um Santa Cruz, der größten Stadt des Landes. Im Norden Boliviens liegen tropische, kaum erschlossene Regenwälder; der trockene und kühlere Südosten ist ebenfalls nur spärlich besiedelt.

Die Bahn steht an

Die Anden, die das Land längs durchschneiden, sind ein großes Hemmnis für die Entwicklung. Um vom Altiplano auf 4.000 Metern Seehöhe ins Tiefland zu gelangen, müssen mehrere Pässe überquert werden. Das Eisenbahnnetz des Landes ist deshalb zweigeteilt: Ein Netz oben, eines unten. Eine geplante Schienenverbindung, die von Peru nach Brasilien führt und Pazifik mit Atlantik verbindet, gilt als wichtigstes Infrastrukturprojekt Boliviens. 

 

  Wussten Sie, dass

  • ... Bolivien, obwohl es ein Binnenstaat ist, eine Marine unterhält? Stationiert ist diese auf dem Titicaca-See und den großen Flüssen.
  • ... das gute Zusammenleben im Einklang mit der Natur (Pachamama), ein zentrales Prinzip der Andenvölker, in der Verfassung als Staatsziel verankert ist?
  • ...Koka auch ohne den illegalen Anbau für Kokain eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte Boliviens ist?

Durch die Stadt gondeln

Mit einer unkonventionellen Verkehrslösung für die schwierige Topographie punktete das österreichische Unternehmen Doppelmayr. El Alto, die drittgrößte Stadt Boliviens, liegt direkt am Rand des Altiplano; unmittelbar hinter der Abbruchkante schließt La Paz an, Regierungssitz und zweitgrößte Stadt des Landes. Busse sind keine befriedigende Lösung für den Personenverkehr, eine Tram oder U-Bahn kommt aufgrund der mehreren hundert Meter Höhenunterschied nicht in Frage – deshalb entschied sich La Paz, das weltgrößte urbane Seilbahnnetz zu errichten. Mehrere von Doppelmayr errichtete Seilbahnlinien sind bereits in Betrieb, bald wird das Netz mehr als 30 Kilometer umfassen.

Die Lieferungen von Doppelmayr prägten in den letzten Jahren auch das Handelsvolumen zwischen Bolivien und Österreich. "Historisch exportierte Österreich jährlich Waren im Wert von rund 20 Millionen Euro nach Bolivien, 2017 waren es über 140 Millionen“, berichtet der Wirtschaftsdelegierte Drazen Maloca. In die andere Richtung blieben die Warenflüsse dürftig: Zuletzt waren es vor allem Quinoa, Paranüsse und Erze, die nach Österreich exportiert wurden.

Gesundheit für alle

Nennenswert aus österreichischer Sicht ist noch ein Krankenhausprojekt der Firma Vamed mit 200 Betten in Villa Turani am Fuß der Anden. Es ist Teil einer großen Reform, die ab diesem Jahr der gesamten Bevölkerung kostenlose Gesundheitsversorgung liefern soll. Auch in Zukunft sieht Maloca die Chancen für österreichische Exporteure vor allem im Projektgeschäft und erwartet keinen starken Anstieg des Handels: "Bolivien wird in absehbarer Zeit kein Markt werden, wo man sein muss. Wenn es dem Land gelingt, seine Industrialisierung voranzutreiben, könnte es aber für Maschinenexporte interessant werden. Auf Chile trifft das bereits zu.“

„Das bolivianische Hemd anziehen“

Julia Schwärzler von Doppelmayr berichtet über jenes Projekt, das Österreichs Handelsbeziehungen mit Bolivien seit Jahren prägt.

Wie kam es dazu, dass Sie in La Paz das größte urbane Seilbahnnetz der Welt errichten?
Die Idee gab es schon seit 30 Jahren, weil die Höhenunterschiede in der Stadt gewaltig sind – wir sprechen von bis zu 1000 Meter. Vom Verkehrskollaps bedroht, hat die bolivianische Regierung dann 2012 voll und ganz auf diese innovative Lösung gesetzt.

Ist das Netz nun fertig ausgebaut?
Im März 2019 wurde die zehnte und vorerst letzte Linie in Betrieb genommen, die „Línea Plateada“. Kürzlich hat der bolivianische Präsident bereits eine Erweiterungsphase angekündigt. Wann genau diese startet, ist noch nicht fixiert.

Welche Erfahrungen haben Sie in Bolivien gemacht?
Wir waren überrascht, wie schnell es tatsächlich in die Umsetzung ging. Das Projektteam vor Ort startete bereits voll durch, als im Projektbüro in La Paz noch nicht einmal ein
Arbeitstisch stand. So haben wir es geschafft, innerhalb von 14 Monaten ab Vertragsunterschrift bereits die erste Seilbahnlinie, die „Línea Roja“, zu übergeben.

Welchen Tipp haben Sie für österreichische Unternehmen?
Es ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg, die lokalen Gegebenheiten zu verstehen. Man muss es als ausländische Firma schaffen, sich „das bolivianische Hemd anzuziehen“, wie
man in Bolivien sagt.

Historisch exportierte Österreich jährlich Waren im Wert von rund 20 Millionen Euro nach Bolivien. 2017 waren es über 140 Millionen.
Drazen Maloca, Wirtschaftsdelegierter

Investoren sind misstrauisch

Dahin ist es noch ein weiter Weg. In Standortindizes wie dem Doing Business Index ist Bolivien weit abgeschlagen, und das in fast allen Aspekten von Infrastruktur bis Korruption. "Schon Chile tut sich schwer, Investoren ins Land zu holen, und das hat eine Historie von vielen Jahrzehnten wirtschaftsliberaler Politik“, meint Maloca. "Für Bolivien ist es noch einmal deutlich schwieriger, weil es in der Vergangenheit Betriebe verstaatlicht hat.“ Auch Mayer von der OeKB bestätigt, dass Faktoren wie die fehlende Rechtssicherheit und die überbordende Bürokratie Investoren abschrecken. "Positiv ist im regionalen Vergleich aber die Sicherheitssituation und die niedrige Unternehmenssteuer von 25 Prozent“, sagt er. Punkten kann Bolivien zudem mit seinem niedrigen Lohnniveau.

Ausländische Investoren würde Bolivien dringend benötigen, um seine Rohstoffe im Land weiter zu verarbeiten. Nicht nur jene, die bereits gefördert werden, sondern auch einen, der bisher unerschlossen ist, aber einen großen Schatz darstellt: Lithium. Die Salzwüste von Uyuni ist die vielleicht größte Lagerstätte dieses Elements, dessen Nachfrage rasant steigt, weil man es für die Akkus von Elektroautos benötigt. "Ein Abbauprojekt gibt es, aber Investoren muss man erst finden“, berichtet Maloca.

Aktuelle Deckungspolitik Bolivien

Top-Geschäftschancen

  • Deckung mit Einschränkungen
  • 100 % Deckungsquote für politische Risiken
  • OECD-Länderkategorie 5 von 7

Zu den Länderinformationen

  • Infrastruktur
  • Urbanisierung
  • Bahn
  • Gesundheitsversorgung
  • Exploration

Kein Ende in Sicht

Ob Morales die Lithium-Gewinnung noch als Präsident erlebt, entscheidet sich im Herbst. Dann stellt er sich zum dritten Mal der Wiederwahl, obwohl das die Verfassung eigentlich verbietet. Doch das Verfassungsgericht erklärte den Passus vor einigen Monaten für nichtig – mit dem Argument, dass das Wahlrecht nicht durch Amtszeitbeschränkungen beschnitten werden dürfe. Proteste waren die Folge. Doch nach der umstrittenen Entscheidung stehen die Chancen auf eine Wiederwahl gut, zumal die Opposition in mehrere Lager zersplittert ist.

Bolivien in Zahlen*

  • Bevölkerung 11,1 Mio.
  • Human Development Index: Rang 97 (von 188)
  • Geburtenrate: 2,9 Kinder/Frau
  • Lebenserwartung: 69,1 Jahre
  • BIP-Wachstum real 2017: 4,2 %
  • BIP absolut 37,8 Mrd. US-$
  • BIP pro Kopf:  3.413 US-$
  • Inflation: 2,8 %
  • Exporte: 7,8 Mrd. US-$
  • Importe: 9,3 Mrd. US-$

  Geschichte kurzgefasst: Am Anfang war das Lama

Das Hochland Boliviens ist seit vielen Jahrtausenden besiedelt. Die steinzeitlichen Jäger und Sammler wurden erst zu nomadischen Lamahirten und später sesshaft. Von einer von mehreren Hochkulturen, jener von Tiwanaku (ca. 1500 vor bis 1200 nach Christus), stammt vermutlich die Volksgruppe der Aymara ab, der rund ein Drittel der bolivianischen Bevölkerung zuzurechnen ist. Eine andere große ethnische Gruppe, die Quechua, geht auf die Herrschaft der von Peru kommenden Inka zurück, die mit der Eroberung durch Spaniens Francisco Pizarro 1538 abrupt endete. Vertrieben wurden die Spanier erst 1824 mit Hilfe des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar, der zum Namenspatron wurde. Bald kam es zu mehreren Revolutionen und Kriegen gegen die Nachbarstaaten. Bedeutend ist die Niederlage gegen Chile 1884, die Bolivien seinen Meerzugang kostete. Auch das 20. Jahrhundert brachte keine politische Stabilität. Im blutigen Chacokrieg (1932-1935) um eine menschenleere Region, in der man Öl vermutete (zu unrecht), unterlag Bolivien zudem Paraguay. Nach zahlreichen Staatsstreichen und Putschen stellten sich erst in den 1980ern dauerhaft demokratische Verhältnisse ein.

*Quelle: WKO

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